Thursday, August 17, 2006
Abschied unter einer Straßenlaterne
„Abschied nehmen. Kann man das überhaupt? Kommt Abschied von scheiden und scheiden von Schwertscheide? Also abtrennen, abschneiden. Warum aber dann ‚Abschied nehmen’ und nicht ‚Abschnitt’.“
Das fahle Licht einer Straßenlaterne ist ein idealer Ort um Gedanken kreisen zu lassen. Kurz vor meiner Abreise, meiner Trennung, von Leipzig habe ich noch einmal die Einsamkeit der Südvorstadt gesucht um mich zu „verabschieden“. Im ersten Gedanken an das Wort aber musste ich stutzen. Kann man einfach einen Abschied nehmen, wie eine Bohnenkonserve aus der Lebensmittelabteilung, in den Einkaufskorb des Lebens feuern und dann am Ende – an der Kasse – all diese „Abschiede“ – als teure Artikel – mit „Willkommen“ und „Abenteuer“ zusammenaddieren? – notiert auf dem Kassenzettel des Lebens? Ist Abschied nicht vielmehr eine leere Worthülse. Ein Wort das es eigentlich nicht gibt, weil es einen Zustand beschreiben soll, den es auch nicht gibt, obwohl man ihn gerne hätte. Abscheiden, ja: Sich Ableben von einer Welt, von einem Gefühl, von einer Zeit, die man gerade noch erlebt hat, aber Abschied nehmen? Kann ich einfach meinen Hut nehmen und damit den lebenden Platz gegen Photoalbenerinnerungen austauschen?
Ich glaube nicht, dass wir abscheiden, dass wir uns von etwas entfernen. Das was wir vor unsereren Augen sehen, was wir fühlen, was wir zu erkennen glauben ist von uns selbst bestimmt und es bestimmt uns. Meine Umgebung prägt mich, nimmt Einfluss auf mich: Ich sauge sie auf. Wenn sie aber ein Teil von mir ist, mein Verhalten mitsteuert, wie kann ich dann einfach von ihr weggehen? Bin ich nicht unwiederuflich an sie gebunden ob es mir passt oder nicht?
"Nichts ist so wie früher“
„Der Ort hat sich geändert“
„Alles ist renoviert“
„Ich verstehe sie nicht mehr“
„Wir sind Fremde“
„Das soll ich einmal gewesen sein?“
Der Abschied scheint geglückt, wenn wir mit einem mulmigen Gefühl zurückkehren und feststellen, dass nichts so ist wie wir es erlebt haben. Die Umgebung ist fremd geworden, Freunde haben sich nichts mehr zu sagen, außer die Erlebnisse der vergangenen Jahre in einer sinnlosen Aneinanderreihung chronologischer Fakten bei einem Café Latte und ein paar widerlich trockenen Amarettinis niederzubeten.
„Ich hätte nicht wiederkommen sollen.“
Das Wiederkommen als Widerspruch zum Erfahrenen. Man kommt nicht wieder, wenn alles anders ist. Man kommt ins Neue. Genau das passiert auch wenn man da bleibt. Das Vergangene bleibt in Erinnerung und nimmt Einfluss auf das Neue. Egal ob wir gehen oder bleiben. Menschen und Orte verändern sich. Freunde bleiben am Herzen. Trifft man sie wieder, findet man die Ebene wieder, hat sich in all der Zeit – warum auch? – nichts verändert. Trifft man sie nicht wieder, weil sie jemand anders geworden sind, dann sind sie Erinnerungen – Vielleicht ein Lebensabschnitt. In dem Moment in dem man geht allerdings verliert man nichts. Das Abscheiden – der retrospektive Abschied – kommt später.
Vor mir liegen, grob in den Straßenverlauf eingepasst, Kopfsteine. Steine, die man eigentlich nur im Kopfsteinpflaster als Kopfsteine bezeichnet aber ohne das Pflaster zu fragwürdigen viereckigen Gestalten werden. Kommt der Begriff aus der 68er Zeit? Ein Stein für den Kopf und hinterher – hintendran – das Pflaster. Melancholisch denke ich an den ersten Mai und den Tag der deutschen Einheit, als braunglatzige Gestalten versuchten sich den Weg bis zum Völkerschlachtdenkmal zu bahnen. „Sonntagnachmittagsspaziergänge“ habe ich es genannt. Mal als Sitzdemonstrant nahe des Bahnhofs, mal als glotzender Terrortourist, welcher den 42. Löschversuch eines brennenden Mülleimers durch einen ordnungshütenden Wasserspeier beobachtet.
Dunkel sehe ich noch meinen schlecht aufgepumpten Vorderreifen auf den Steinen mein Sitzfleisch strapazieren. Um Unbestraft das nichtbeleuchtende Fahrrad und natürlich sich selbst nach Hause zu bringen, wählte man zumeist den Weg über dunkle Hintergassen. Zehn Euro Strafe waren dann doch zu hohe Kosten für eine Fahrt in Ilses Erika und wieder zurück.
In dem Haus an der Ecke hatte ich mir ein Zimmer angeschaut. Schön groß, kleine Küche mit Balkon aber ich war nicht der Richtige für die angestammten Mitbewohner. Dass ich letzlich in der Riemannstraße eingezogen bin, war also von dem Nichtklappen dieserorts verantwortlich. Stapeln sich in meinem Kopf die Erlebnisse diesen Ortes, mit wem ich schon das Bett geteilt hatte, wer mir über Nacht des Tages oder einfach nur in einem Gespräch nähergekommen war, so stapeln sich jetzt zwischen leerem Schrank und Regalen die Umzugskisten. Morgen verlasse ich diesen Ort für immer. Aber verabschieden kann ich mich erst, wenn ich wieder dort bin.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite sehe ich hinter vorgezogenen Vorhängen gedimmte Lichter leuchten. Unweigerlich fällt mir die Teelichtordnung in meiner Regalwand ein. Absteigend quer, ab und an umrahmt vom Orangenduft eines Ölwärmers, warfen sie ein leichtes Licht auf den Raum, die Bücher und Gesprächspartner, welche mir die Ehre gaben mit mir einen Teil meines Lebens zu teilen. Leicht dämmrig wirkte alles, heimlich, verborgen, warm. So wie die Erinnerungsfetzen, welche willkürlich – beim Anstarren des Straßenbildes – sich meiner bemächtigen.
Nun denn, den Abschied erwarten. Alles in der Retrospektive abspulen, überspulen ins direkte Bewusstsein, die Nachtluft aufsaugen und dann morgen mit dem letzten Atemzug ins Auto gesprungen, wissend dass wenn man dann letzlich Abschied nimmt, wieder unter der fahlen Straßenlaterne steht, nichts mehr so erkennen wird, wie man es gerade eben gesehen hat. Wer weiß: wahrscheinlich wird man noch nicht einmal die Möglichkeit bekommen von den meisten Menschen, welche einem hier ans Herz gewachsen sind, Abschied nehmen zu können, weil sie bei der Rückkehr nicht mehr da sind. Als Bausteine des ersten Abschnittes „Leipzig“ fallen sie nur noch als Teil des graues vorzeitigen Fundamentes in dem neuen „Leipzig“ selten in die Erinnerung zurück – sollte ich denn Abschied nehmen wollen und nicht zwischenzeitlich sterben oder anderweitig entflohen sein.
Als Geisteswissenschaftler ist man stärker als andere dem fluktuativen Leben ausgesetzt. Man lernt mehr Menschen kennen aber verliert auch mehr – Ständig, immer, überall. Praktikum in Brüssel, Auslandsemester in den Staaten, nochmal Praktikum in Moskau, Magisterarbeit schreiben: woanders als hier, nämlich dort. Ferien, Freizeit, eine Freundin, mit der man viel Zeit verbringen will; Keine Lust auf Bierarbende, keine Lust auf Tanzen, unangenehme Freunde der Anderen; Ständig wechselt alles. Eigentlich nimmt man ständig Abschied, wenn man merkt so wie er, wie sie, wie ich gestern waren sind sie, bin ich heute nicht mehr. Werde nie wieder dorthin zurückkommen. Alles ist Abschied, Abscheiden. Farewell yesterday! Es geht weiter, morgen in die neue Welt. Ab nach Hause – heute noch. Seit umarmt, gedrückt, geküsst. Auf nimmerwiedersehen in einem Jahr :)
