Wednesday, August 30, 2006

 


Beim Lesen des Junius Buches über Derrida stellte sich mir die Frage, ob man denn überhaupt jemanden für sein Verhalten verurteilen könnte. Ich meine dies nicht im Sinne, dass man nicht sagen dürfte "Das was er macht ist falsch" (Auch wenn das einer relativen Sichtweise widerspricht, ist Normativität eine Grundbedingung des gesellschaftlichen Zusammenlebens).

Sondern vielmehr ob man jemanden in persona für Handlungen verurteilen darf, die zu dem Zeitpunkt der Handlungen noch nicht feststanden oder eine Kontroverse waren. Um ein Beispiel zu geben: Darf ich Heinrich von Treitschke für den Spruch "Die Juden sind unser Unglück" als Person verurteilen. Obwohl der Satz aus dem Zusammenhang gerissen ist, wurde er doch Basis für die Kontroverse mit Theodor Mommsen und danach der Leitsatz für das nationalsozialistische Hetzblatt "Der Stürmer". Ist also Treitschke nun wegen dieser Aussage nicht nur ein Antisemit, sondern ein schlechter Mensch. Jemand den man besser nicht mehr erwähnen sollte? Ebenso wie Heidegger, welcher nach der Rektoratsrede von 1933 schwieg anstatt zu sprechen, der häufig auf den "Nazi" reduziert wird?


Konnte jemand in seiner Zeit den Horizont überschreiten und so denken, wie es heute erwartet wird, dass er hätte denken müssen? Oder sollte man diesbezüglich nicht relativistisch herangehen? Sind humanistische Werte nicht auch nur eine Überzeugung, welche wir äußern, welche wir als unumstößlich - als immergeltend proklamieren - während wir kiloweise geschlachtetes Vieh in unsere nimmersatten Mägen schlingen?




Wenn die Aussage "Der Jude ist hinterhältig" in einem großen Teil der Gesellschaft einen Wahrheitsgehalt besitzt, ist er dann nicht tatsächlich wahr? Während in unserer Gesellschaft die Aussage "alle Menschen sind gleich" zumindest äußerlich von vielen als wahr angenommen wird, ist sie dann tatsächlich wahr? Ist die Aussage "(radikale) Islamisten sind schlechte Menschen" ebenso wahr, weil die Mehrheit der Menschen daran glaubt?
Wieso haben vor 1000 Jahren die Menschen sogar noch ihre eigenen Söhne getötet, weil diese sie bedrohten ohne sich auf die Menschlichkeit zuberufen? Sind wir heute tatsächlich intelligenter?

Dieses Wort "tatsächlich" suggeriert eine Tatsache, eine feststehende Erkenntnis, von deren Position - einem archimädischen Punkt gleich - die ganze Menschheitsgeschichte abgeurteilt wird. Ist das Urteil nicht eigentlich etwas persönliches, aus der eigenen sozialen und historischen Entwicklung gewachsenes, welches zu subjektiv ist, als dass es auf irgendjemanden angewendet werden könnte? Wenn ich nicht "wüsste" - im Sinne von: Im Grundgesetz gelesen, beigebracht, gelehrt - dass der Mensch neben mir gleich an Rechten ist, auch wenn ich ihm überlegen bin, würde ich ihn dann ebenso noch schätzen. Würde ich ohne dieses Wissen und ohne das Verbot der Handlung nicht dafür sorgen, dass dieselbe Person mir bei meinem zukünftigen Weg nicht gefährlich wird?

Ist es nun also das Wissen auf einer höheren Stufe, welches uns "erkennen" lässt, dass etwas falsch oder richtig ist? Vielleicht erkennen wir in 100 Jahren, dass die Menschen nicht gleich sind. Dass einige genetisch den anderen bevorteilt sind - ergo, dass sie in höheren Positionen arbeiten müssen, weil sie der Gesamtwirtschaft mehr von Nutzen sind? Ist erst die Erkenntnis also, dass Menschen genetisch ungleich sind eine Wahrheit? 100 Jahre später kommt dann die Erkenntnis: "Was sagen eigentlich Gene aus? - Wie konnten wir nur..."

Was nun ist der Neonazi, der glaubt, dass Ausländer schlechte oder schlechtere Menschen sind. Ist er schlecht - außerhalb unseres gesellschaftlichen Fassungsvermögens?

"Vor Gott sind alle Menschen gleich" - auch in ihren schlechten Eigenschaften. was macht dann den Neonazi einen schlechten Menschen, dass ich ihn aburteilen kann?





Nun, die Handlung. Die Mehrheit der Gesellschaft hat eine "Wahrheit" diese "Wahrheit" solange sie beständig ist, manifestiert sich im Gesetz. Erst wenn jemand versucht - durch die Handlung - dieses Gesetz zu durchbrechen, macht er sich für die Gesellschaft aburteilbar. Das bedeutet: "Die Gedanken sind frei" nur handeln darf ich nicht.

Ist das dann noch ein liberaler Staat? Wäre es nicht vielmehr sinnvoll die Handlung auf die tätliche Agression zu begrenzen. Ich darf sagen, dass Ausländer schlecht sind, sie nur nicht tätlich angreifen?

Was dann aber mit dem gärenden Übel? Der rhetorischen Kraft, welche Menschen überzeugt dass etwas - Ausländer, Juden, Menschen - schlecht sind. Wenn erst einmal die "Wahrheit" sich verändert hat, wenn die Mehrheit ein neues Gesetz will, was dann?
Dann sind die Humanisten in der Minderzahl. Dann haben sie verloren. Dann glaubt der Mensch den Unterschied.

Dann also darf man selbst das äußern solches für die momentane "Wahrheit" giftigen Gedankenguts bestrafen, weil es gefährlich ist?

Die Wahrheit liegt bei den Menschen die sie formen. Wo es einen Kläger gibt, gibt es auch einen Verteidiger. Zumeist ist das Recht mit dem Angeklagten, wenn das Gegenteil nicht bewiesen werden kann. Wie also will man gegen die "Wahrheit" argumentieren?




Nicht die Kläger sind das Problem, lasst sie doch reden. Jeder darf denken und sagen was er für richtig hält. Weder ist es gut noch schlecht - es ist sein strukturiertes Denken. Aber schweigt nicht, wenn ihr anderer Meinung seid. Diskutiert, argumentiert: Wenn ihr die Wahrheit verteidigt könnt ihr nur gewinnen, weil ihr niemand überzeugen müsst: Die Mehrheit glaubt euch schon.

Also die Menschen in ihrer Zeit Menschen sein lassen. Sie waren weder gut noch schlecht. Sie haben in einer Art und Weise gehandelt, welche für heutige Urteile möglicherweise schlecht waren. Aber sie konnten ihrem Horizont - dass was in ihrem Leben diskutiert, gesagt, gedacht wurde - nicht entfliehen. Genausowenig wie wir das heute können. Beschränken wir uns doch darauf unsere Wahrheit zu glauben und diese zu verteidigen, wenn wir sie verbal angegriffen fühlen. Nicht mit der Tat, da auch wir nur die Tat ahnden sollen, sondern mit dem Wort. Denn das war schon immer der Anfang.

Comments:
Sag nicht das dass ein Rundbart ist muahahahahahahahahahahahahahaaaa!!!


Ich hoffe wirklich nicht!

A.G.
 
Post a Comment



<< Home

This page is powered by Blogger. Isn't yours?