Thursday, August 31, 2006

 


Sodalla, heute mal wieder ein paar sinnvolle Worte, nachdem ich mich gestern damit gebrüstet habe die Welt zu verstehen. Manchmal braucht man ja diese kleinen Ausraster um de wunderbare Einfachheit der Normalität zu ertragen.

Viel ist heute nicht passiert. Ich bin viel zu früh aufgestanden obwohl mein "W$§)§§- Wecker sich weigert zu klingeln. Habe festgestellt, dass es zu wenig Baguette - ich muss ständig an den Ossi-Witz denken, Schande - gab und die Gelegenheit genutzt mir noch ein Croissant für den gerade so trinkbaren 100% NES (Nescafe) zu besorgen.

Allerdings wurde der Einkauf ein bisschen dadurch erschwert, dass die Verkäuferin erst nicht wusste, was ich haben wollte. Nachdem ich am Vortag nach einem "grand baguette" gefragt hatte, tat ich selbiges wieder, wollte allerdings das nebendran stehende (Ja, Baguettes stehen) unglücklicherweise verstand sie mich erst nach mehrmaligen Anläufen und erklärte mir dann vorwurfsvoll, dass dies doch ein "pain" sei. Aha: Der einzige Unterschied war, dass man diese mal kurz in Mehr gewendet hatte.

Die spinnen die Froschfresser.
Damit aber nicht genug: Weiter ging es nach dem Frühstück zur anspruchsvollen Aufgabe der Bankeröffnung. Nun, ich gebe zu, dass in einem Vorort wahrscheinlich nicht tagtäglich ein deutscher Student reinschneit und ein Konto eröffnen möchte aber man braucht zumindest mal nicht uninformiert sinnlose Scheisse von sich geben. Sitzt mir doch da ein Kelly-Bundy-Format gegenüber, welche mir kaugummikauend erklärte, dass dies wohl nicht möglich sei. Die Stimme aus dem Off wusste es natürlich besser und eine weitaus intelligenter wirkende Filiandame verwies sie auf Formulare in einem Schrank hinter ihr. Während sich also - wohlgemerkt in einer Bank - Kelly Bundy bückte und ihr blauer Stringtanga durch das leichte weiß ihres Rockes schien, machte ich mich schon auf den nächsten Schlag gefasst. Ich gebe zu französisch verstehe ich nur begrenzt - um nicht zu sagen kaum - aber selbst ich begreife, dass jemand einen so verarteten Akkzent hat, dass selbst ein Sachse nebendran Hochdeutsch könnte. Wie auch immer: 10 Minuten später war ich wieder draußen mit einem Termin für den nächsten Tag, einer Liste der Dinge, welche ich mitzubringen hatte und einem schönen Infoprospekt, welchen ihr die nette Kollegin von dem unübersehbaren Stapel auf der Ablage des Schränkchens in die Hand drückte, nachdem acht Minuten in dem Schrank suchen zu keinem nennenswerten Ergebnis geführt hatten, außer dass sie nochmal aller Welt ihre neue Unterwäsche vorgeführt hatte.

Nachdem ich dies hinter mir hatte, wollte ich meinen kleinen, für heute geplanten, Parisausflug antreten. Nach einem kleinen Zwischenstop zu Hause marschierte ich zum 15 Minuten entfernten Bahnhof um mir eine Monatskarte zu kaufen. Im Gegensatz zum letzten Mal, bei welchem ich mich noch nicht einmal hinreichend verständlich machen konnte, dass man mir Auskunft über die nächstfahrende U-Bahn gab und ich somit den Zug nehmen musste, lief diesmal alles glatt. 101,30 € legte ich auf den Tisch und erhielt meine kleine unauffällige Monatskarte "carte d'orange". Ein kurzer Blick auf die Zugfahrpläne - ui, noch eine Minute, bis zum Zug nach Paris ("C", die ich beim nächsten Mal wg. Sprachschwierigkeiten nicht bekommen hatte), Karte in den Automaten geschoben und gegen die Barriere gedrückt... autsch. Außer blauen Flecken, kein durchkommen.

Erstaunt erklärte mir dann ein herbeigeilter Bahnangestellter, dass ich die Karte doch erst ab September benutzen könne, da sie eine Monatskarte sei. Aha, sagte ich mir - dachte "Arschloch" und ging wieder. 10 € für einen Tag lege ich nicht nocheinmal hin, schon gar nicht für so einen - ach ihr wisst schon.

Nach eineml entspannten prallgesonnten Heimweg den Berg hinaus, setzte ich meine Fach-Lektüre fort um dann kurz darauf auf der Terasse einzuschlafen. Da liege ich jetzt geistig immer noch...

Wednesday, August 30, 2006

 


Beim Lesen des Junius Buches über Derrida stellte sich mir die Frage, ob man denn überhaupt jemanden für sein Verhalten verurteilen könnte. Ich meine dies nicht im Sinne, dass man nicht sagen dürfte "Das was er macht ist falsch" (Auch wenn das einer relativen Sichtweise widerspricht, ist Normativität eine Grundbedingung des gesellschaftlichen Zusammenlebens).

Sondern vielmehr ob man jemanden in persona für Handlungen verurteilen darf, die zu dem Zeitpunkt der Handlungen noch nicht feststanden oder eine Kontroverse waren. Um ein Beispiel zu geben: Darf ich Heinrich von Treitschke für den Spruch "Die Juden sind unser Unglück" als Person verurteilen. Obwohl der Satz aus dem Zusammenhang gerissen ist, wurde er doch Basis für die Kontroverse mit Theodor Mommsen und danach der Leitsatz für das nationalsozialistische Hetzblatt "Der Stürmer". Ist also Treitschke nun wegen dieser Aussage nicht nur ein Antisemit, sondern ein schlechter Mensch. Jemand den man besser nicht mehr erwähnen sollte? Ebenso wie Heidegger, welcher nach der Rektoratsrede von 1933 schwieg anstatt zu sprechen, der häufig auf den "Nazi" reduziert wird?


Konnte jemand in seiner Zeit den Horizont überschreiten und so denken, wie es heute erwartet wird, dass er hätte denken müssen? Oder sollte man diesbezüglich nicht relativistisch herangehen? Sind humanistische Werte nicht auch nur eine Überzeugung, welche wir äußern, welche wir als unumstößlich - als immergeltend proklamieren - während wir kiloweise geschlachtetes Vieh in unsere nimmersatten Mägen schlingen?




Wenn die Aussage "Der Jude ist hinterhältig" in einem großen Teil der Gesellschaft einen Wahrheitsgehalt besitzt, ist er dann nicht tatsächlich wahr? Während in unserer Gesellschaft die Aussage "alle Menschen sind gleich" zumindest äußerlich von vielen als wahr angenommen wird, ist sie dann tatsächlich wahr? Ist die Aussage "(radikale) Islamisten sind schlechte Menschen" ebenso wahr, weil die Mehrheit der Menschen daran glaubt?
Wieso haben vor 1000 Jahren die Menschen sogar noch ihre eigenen Söhne getötet, weil diese sie bedrohten ohne sich auf die Menschlichkeit zuberufen? Sind wir heute tatsächlich intelligenter?

Dieses Wort "tatsächlich" suggeriert eine Tatsache, eine feststehende Erkenntnis, von deren Position - einem archimädischen Punkt gleich - die ganze Menschheitsgeschichte abgeurteilt wird. Ist das Urteil nicht eigentlich etwas persönliches, aus der eigenen sozialen und historischen Entwicklung gewachsenes, welches zu subjektiv ist, als dass es auf irgendjemanden angewendet werden könnte? Wenn ich nicht "wüsste" - im Sinne von: Im Grundgesetz gelesen, beigebracht, gelehrt - dass der Mensch neben mir gleich an Rechten ist, auch wenn ich ihm überlegen bin, würde ich ihn dann ebenso noch schätzen. Würde ich ohne dieses Wissen und ohne das Verbot der Handlung nicht dafür sorgen, dass dieselbe Person mir bei meinem zukünftigen Weg nicht gefährlich wird?

Ist es nun also das Wissen auf einer höheren Stufe, welches uns "erkennen" lässt, dass etwas falsch oder richtig ist? Vielleicht erkennen wir in 100 Jahren, dass die Menschen nicht gleich sind. Dass einige genetisch den anderen bevorteilt sind - ergo, dass sie in höheren Positionen arbeiten müssen, weil sie der Gesamtwirtschaft mehr von Nutzen sind? Ist erst die Erkenntnis also, dass Menschen genetisch ungleich sind eine Wahrheit? 100 Jahre später kommt dann die Erkenntnis: "Was sagen eigentlich Gene aus? - Wie konnten wir nur..."

Was nun ist der Neonazi, der glaubt, dass Ausländer schlechte oder schlechtere Menschen sind. Ist er schlecht - außerhalb unseres gesellschaftlichen Fassungsvermögens?

"Vor Gott sind alle Menschen gleich" - auch in ihren schlechten Eigenschaften. was macht dann den Neonazi einen schlechten Menschen, dass ich ihn aburteilen kann?





Nun, die Handlung. Die Mehrheit der Gesellschaft hat eine "Wahrheit" diese "Wahrheit" solange sie beständig ist, manifestiert sich im Gesetz. Erst wenn jemand versucht - durch die Handlung - dieses Gesetz zu durchbrechen, macht er sich für die Gesellschaft aburteilbar. Das bedeutet: "Die Gedanken sind frei" nur handeln darf ich nicht.

Ist das dann noch ein liberaler Staat? Wäre es nicht vielmehr sinnvoll die Handlung auf die tätliche Agression zu begrenzen. Ich darf sagen, dass Ausländer schlecht sind, sie nur nicht tätlich angreifen?

Was dann aber mit dem gärenden Übel? Der rhetorischen Kraft, welche Menschen überzeugt dass etwas - Ausländer, Juden, Menschen - schlecht sind. Wenn erst einmal die "Wahrheit" sich verändert hat, wenn die Mehrheit ein neues Gesetz will, was dann?
Dann sind die Humanisten in der Minderzahl. Dann haben sie verloren. Dann glaubt der Mensch den Unterschied.

Dann also darf man selbst das äußern solches für die momentane "Wahrheit" giftigen Gedankenguts bestrafen, weil es gefährlich ist?

Die Wahrheit liegt bei den Menschen die sie formen. Wo es einen Kläger gibt, gibt es auch einen Verteidiger. Zumeist ist das Recht mit dem Angeklagten, wenn das Gegenteil nicht bewiesen werden kann. Wie also will man gegen die "Wahrheit" argumentieren?




Nicht die Kläger sind das Problem, lasst sie doch reden. Jeder darf denken und sagen was er für richtig hält. Weder ist es gut noch schlecht - es ist sein strukturiertes Denken. Aber schweigt nicht, wenn ihr anderer Meinung seid. Diskutiert, argumentiert: Wenn ihr die Wahrheit verteidigt könnt ihr nur gewinnen, weil ihr niemand überzeugen müsst: Die Mehrheit glaubt euch schon.

Also die Menschen in ihrer Zeit Menschen sein lassen. Sie waren weder gut noch schlecht. Sie haben in einer Art und Weise gehandelt, welche für heutige Urteile möglicherweise schlecht waren. Aber sie konnten ihrem Horizont - dass was in ihrem Leben diskutiert, gesagt, gedacht wurde - nicht entfliehen. Genausowenig wie wir das heute können. Beschränken wir uns doch darauf unsere Wahrheit zu glauben und diese zu verteidigen, wenn wir sie verbal angegriffen fühlen. Nicht mit der Tat, da auch wir nur die Tat ahnden sollen, sondern mit dem Wort. Denn das war schon immer der Anfang.

Saturday, August 26, 2006

 


So, eine Woche nähert sich dem Ende und ich dachte Mal – auch weil ich grade viel Zeit habe und immer noch auf Adrenalin bin, dass ich ein paar Zeilen schreibe.



Also, was ist passiert depuis je suis arrivé à Paris. Zuerst einmal bin ich mit dem Zug am Gare de l’est angekommen und habe dann meinen über einen Meter hohen Koffer einen Reiserucksack, eine schwere Schultertasche und einen Laptop zum Gare du Nord (theoretisch fünf Minuten. Praktisch starke, durch Treppen unterstützte hohe Höhenunterschiede) geschleppt. Als ich dort im eigenen Schweiße stand dachte ich mir als angehender Französischkönner gleich Mal ohne Schalter auszukommen und meine Tickets nach Pontoise am Automaten zu kaufen. Alles funktionierte so schön, bis ich begriff, dass man kein Papiergeld hineinschieben konnte. Also hieß es zum Schalter zurück, hinter jemandem angestellt die auf Grund ihrer schweren Knochen ähnlich Ausdünstungen wie ich hatte. Nachdem sich das ungleiche Paar geruchlich getrennt hatte, konnte ich dann mit Karte in der Hand zur Schranke marschieren. Dort dann auch erst mal frisch, fromm, fröhlich reingeschoben, bis mir bewusst wurde, dass ich all mein Zeug durch eine Stahlschranke von einem halben Meter Breite (am zweiten Tag fiel mir dann auf, dass es 10 Meter weiter noch eine Schranke für schwerbeladene gab – 2 Meter breit) schieben musste. In Windeseile schob ich also alles vor mir her, verwurschtelte mich in meinem eigenen Zeug und landete mehr fallend als laufend auf der anderen Seite. Auf der anderen Seite fiel mir dann auf, wie alle anderen Fahrwilligen ihr Ticket wieder aus dem Automaten rauszogen und ich verbrachte den Rest der Reise damit mir zu überlegen, wie ich denn durch die Schranken in Pontoise kommen würde. Aber so schnell bin ich noch nicht, erst einmal musste ich ja noch herausfinden welchen Zug ich nehmen musste. Dass ich richtig war, wusste ich anhand der präzisen Anweisungen des Ticketverkäufers („là-bas“) aber die Linie H konnte ich nicht ausfindigmachen, bis mir eine grantige Informationsangestellte mitteilte, dass ich die „trente-quatre“ nehmen müsse, von der natürlich nichts auf dem Plan stand.



Glücklicherweise fuhr die dann auch drei Minuten später ab, dass frustriertes Bahnsteigwarten und dämliche Blicke, wie in Mannheim, auf Grund meines Packeselaussehens mir erspart blieben. Eine halbe Std. später rief ich dann Anita an, welche mich vom g âre abholen wollte. Das erste allerdings was ihr einfiel war, dass sie von der Station an welcher ich gerade stand noch nie etwas gehört hatte. Nun gut, zweifelnd ob ich doch den richtigen Zug genommen hatte, kam ich dann doch in Pontoise an und fand glücklicherweise eine offene Seitentür vor, welche mir schwache Erklärungsversuche bezüglich des vergessenen billets ersparte. Dort wurde ich von Pierre, dem Sohn von Anita welchen ich zuerst für den anderen Sohn Henri hielt, abgeholt und zur Unterkunft gebracht. Dort angekommen gab es eine warme Begrüßung und ein leckeres Abendessen mit viel Baguette und beaucoup de frômage. Außer den bisweilen Benannten, war noch Francoise, der Mann von Anita, und Pierres Freundin, eine Dänin, mit der ich als Ankerpunkt wenigstens Englisch sprechen konnte, anwesend.



Jap soweit so gut, den nächsten Tag verbrachte ich mit aklimatisieren und „Chinesisch“ dechiffrieren und essen.



Am Dritten Tag begab ich mich dann nach Paris um vom Gare du Nord über die Notre Dame zum Eiffelturm zu laufen, was mir auch ohne Probleme gelang. Bilder hierzu gibt es im Studiverzeichnis (www.studivz.net) ebenso wie Kommentare.





Viel ist bis heute allerdings noch nicht passiert. Gestern abend allerdings ist die Familie zu einer Hochzeit aufgebrochen und ließ mich mit dem Haus alleine zurück. Ein schwerer Fehler wie sich herausstellen sollte. Die mir erklärte Alarmanlage mochte mich nämlich nicht sonderlich. Obwohl ich den Code richtig eingegeben hatte, ertönte sie in fröhlichen Tönen gleich zwei Mal mit ca. einer Std. Unterschied. Schnell gab ich den Code zum Aufhören ein, aber die Direktleitung zu den Freunden auf der Hochzeit stand über die Lautsprecher sofort. Man erklärte mir, dass ich – wovon ich ausgegangen war, dass es schon geschehen war – dass alle Türen und Fenster verriegelt hätten sein müssen. Nun begann die Tour durch den Keller um das Haus auf der Suche nach offen Stellen, die ich bis jetzt nicht gefunden habe. Demzufolge bin ich wohl oder übel erst einmal an das Haus gefesselt. Kurzspaziergänge sind möglich, aber das war’s dann auch.



Zu meinem Heutigen Tag hinzu kommt, dass ich heute morgen – zugegeben ohne Alarmanlage – shoppen war und versucht habe einen Konverter für die Steckdose zu kaufen. Nach 45 Min. Fußmarsch war ich dann erfreut einen solchen gefunden zu haben, nur um dann zu Hause festzustellen, dass ich keinen Englischen sondern einen Thailändischen ?!?!? gebraucht hätte. In der Hoffnung, dass dies ein Amerikanischer ist, werde ich am Montag wohl noch mal losdackeln und bis dahin nicht Drucken können, aber naja… jetzt werde ich mir erst einmal ein 0,25 Heineken (lächerliche Füllmenge) gönnen und versuchen mein Nichtstun mit einem Französischfilm, welchen ich nicht verstehe abzuschließen oder versuchen diese Formularflut der französischen Uni, welche ich nicht begreife (Warum muss ich bei denen eine Sozialversicherung kaufen? Reicht meine Deutsche nicht aus? Warum bekomme ich das Studiengebührenformular zugeschickt, wenn ich doch eigentlich keine zahlen muss ?!?!)…

Thursday, August 17, 2006

 


Abschied unter einer Straßenlaterne

„Abschied nehmen. Kann man das überhaupt? Kommt Abschied von scheiden und scheiden von Schwertscheide? Also abtrennen, abschneiden. Warum aber dann ‚Abschied nehmen’ und nicht ‚Abschnitt’.“



Das fahle Licht einer Straßenlaterne ist ein idealer Ort um Gedanken kreisen zu lassen. Kurz vor meiner Abreise, meiner Trennung, von Leipzig habe ich noch einmal die Einsamkeit der Südvorstadt gesucht um mich zu „verabschieden“. Im ersten Gedanken an das Wort aber musste ich stutzen. Kann man einfach einen Abschied nehmen, wie eine Bohnenkonserve aus der Lebensmittelabteilung, in den Einkaufskorb des Lebens feuern und dann am Ende – an der Kasse – all diese „Abschiede“ – als teure Artikel – mit „Willkommen“ und „Abenteuer“ zusammenaddieren? – notiert auf dem Kassenzettel des Lebens? Ist Abschied nicht vielmehr eine leere Worthülse. Ein Wort das es eigentlich nicht gibt, weil es einen Zustand beschreiben soll, den es auch nicht gibt, obwohl man ihn gerne hätte. Abscheiden, ja: Sich Ableben von einer Welt, von einem Gefühl, von einer Zeit, die man gerade noch erlebt hat, aber Abschied nehmen? Kann ich einfach meinen Hut nehmen und damit den lebenden Platz gegen Photoalbenerinnerungen austauschen?

Ich glaube nicht, dass wir abscheiden, dass wir uns von etwas entfernen. Das was wir vor unsereren Augen sehen, was wir fühlen, was wir zu erkennen glauben ist von uns selbst bestimmt und es bestimmt uns. Meine Umgebung prägt mich, nimmt Einfluss auf mich: Ich sauge sie auf. Wenn sie aber ein Teil von mir ist, mein Verhalten mitsteuert, wie kann ich dann einfach von ihr weggehen? Bin ich nicht unwiederuflich an sie gebunden ob es mir passt oder nicht?

"Nichts ist so wie früher“
„Der Ort hat sich geändert“
„Alles ist renoviert“
„Ich verstehe sie nicht mehr“
„Wir sind Fremde“
„Das soll ich einmal gewesen sein?“


Der Abschied scheint geglückt, wenn wir mit einem mulmigen Gefühl zurückkehren und feststellen, dass nichts so ist wie wir es erlebt haben. Die Umgebung ist fremd geworden, Freunde haben sich nichts mehr zu sagen, außer die Erlebnisse der vergangenen Jahre in einer sinnlosen Aneinanderreihung chronologischer Fakten bei einem Café Latte und ein paar widerlich trockenen Amarettinis niederzubeten.

„Ich hätte nicht wiederkommen sollen.“

Das Wiederkommen als Widerspruch zum Erfahrenen. Man kommt nicht wieder, wenn alles anders ist. Man kommt ins Neue. Genau das passiert auch wenn man da bleibt. Das Vergangene bleibt in Erinnerung und nimmt Einfluss auf das Neue. Egal ob wir gehen oder bleiben. Menschen und Orte verändern sich. Freunde bleiben am Herzen. Trifft man sie wieder, findet man die Ebene wieder, hat sich in all der Zeit – warum auch? – nichts verändert. Trifft man sie nicht wieder, weil sie jemand anders geworden sind, dann sind sie Erinnerungen – Vielleicht ein Lebensabschnitt. In dem Moment in dem man geht allerdings verliert man nichts. Das Abscheiden – der retrospektive Abschied – kommt später.

Vor mir liegen, grob in den Straßenverlauf eingepasst, Kopfsteine. Steine, die man eigentlich nur im Kopfsteinpflaster als Kopfsteine bezeichnet aber ohne das Pflaster zu fragwürdigen viereckigen Gestalten werden. Kommt der Begriff aus der 68er Zeit? Ein Stein für den Kopf und hinterher – hintendran – das Pflaster. Melancholisch denke ich an den ersten Mai und den Tag der deutschen Einheit, als braunglatzige Gestalten versuchten sich den Weg bis zum Völkerschlachtdenkmal zu bahnen. „Sonntagnachmittagsspaziergänge“ habe ich es genannt. Mal als Sitzdemonstrant nahe des Bahnhofs, mal als glotzender Terrortourist, welcher den 42. Löschversuch eines brennenden Mülleimers durch einen ordnungshütenden Wasserspeier beobachtet.

Dunkel sehe ich noch meinen schlecht aufgepumpten Vorderreifen auf den Steinen mein Sitzfleisch strapazieren. Um Unbestraft das nichtbeleuchtende Fahrrad und natürlich sich selbst nach Hause zu bringen, wählte man zumeist den Weg über dunkle Hintergassen. Zehn Euro Strafe waren dann doch zu hohe Kosten für eine Fahrt in Ilses Erika und wieder zurück.

In dem Haus an der Ecke hatte ich mir ein Zimmer angeschaut. Schön groß, kleine Küche mit Balkon aber ich war nicht der Richtige für die angestammten Mitbewohner. Dass ich letzlich in der Riemannstraße eingezogen bin, war also von dem Nichtklappen dieserorts verantwortlich. Stapeln sich in meinem Kopf die Erlebnisse diesen Ortes, mit wem ich schon das Bett geteilt hatte, wer mir über Nacht des Tages oder einfach nur in einem Gespräch nähergekommen war, so stapeln sich jetzt zwischen leerem Schrank und Regalen die Umzugskisten. Morgen verlasse ich diesen Ort für immer. Aber verabschieden kann ich mich erst, wenn ich wieder dort bin.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite sehe ich hinter vorgezogenen Vorhängen gedimmte Lichter leuchten. Unweigerlich fällt mir die Teelichtordnung in meiner Regalwand ein. Absteigend quer, ab und an umrahmt vom Orangenduft eines Ölwärmers, warfen sie ein leichtes Licht auf den Raum, die Bücher und Gesprächspartner, welche mir die Ehre gaben mit mir einen Teil meines Lebens zu teilen. Leicht dämmrig wirkte alles, heimlich, verborgen, warm. So wie die Erinnerungsfetzen, welche willkürlich – beim Anstarren des Straßenbildes – sich meiner bemächtigen.

Nun denn, den Abschied erwarten. Alles in der Retrospektive abspulen, überspulen ins direkte Bewusstsein, die Nachtluft aufsaugen und dann morgen mit dem letzten Atemzug ins Auto gesprungen, wissend dass wenn man dann letzlich Abschied nimmt, wieder unter der fahlen Straßenlaterne steht, nichts mehr so erkennen wird, wie man es gerade eben gesehen hat. Wer weiß: wahrscheinlich wird man noch nicht einmal die Möglichkeit bekommen von den meisten Menschen, welche einem hier ans Herz gewachsen sind, Abschied nehmen zu können, weil sie bei der Rückkehr nicht mehr da sind. Als Bausteine des ersten Abschnittes „Leipzig“ fallen sie nur noch als Teil des graues vorzeitigen Fundamentes in dem neuen „Leipzig“ selten in die Erinnerung zurück – sollte ich denn Abschied nehmen wollen und nicht zwischenzeitlich sterben oder anderweitig entflohen sein.

Als Geisteswissenschaftler ist man stärker als andere dem fluktuativen Leben ausgesetzt. Man lernt mehr Menschen kennen aber verliert auch mehr – Ständig, immer, überall. Praktikum in Brüssel, Auslandsemester in den Staaten, nochmal Praktikum in Moskau, Magisterarbeit schreiben: woanders als hier, nämlich dort. Ferien, Freizeit, eine Freundin, mit der man viel Zeit verbringen will; Keine Lust auf Bierarbende, keine Lust auf Tanzen, unangenehme Freunde der Anderen; Ständig wechselt alles. Eigentlich nimmt man ständig Abschied, wenn man merkt so wie er, wie sie, wie ich gestern waren sind sie, bin ich heute nicht mehr. Werde nie wieder dorthin zurückkommen. Alles ist Abschied, Abscheiden. Farewell yesterday! Es geht weiter, morgen in die neue Welt. Ab nach Hause – heute noch. Seit umarmt, gedrückt, geküsst. Auf nimmerwiedersehen in einem Jahr :)

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